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Die Suche nach gestern

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Die Webserie Die Suche nach gestern (engl.: The Yesterday Quest) erscheint seit Juli 2010 auf BIONICLEstory.com. Die Geschichte wurde von Greg Farshtey geschrieben und handelt von der Suche nach den Großen Wesen. Die Übersetzung stammt von Nuhrii the Metruan.

Kapitel 1

„... Und das ist die Aufgabe, die Tahu Nuva von euch verlangt“, sagte Onua. „Sie wird nicht leicht sein. Wir wissen nicht einmal, ob es überhaupt möglich ist. Aber es war Mata Nuis Wunsch, dass--“

„Wir die Großen Wesen finden. Wir wissen es“, fiel Toa Orde ihm ins Wort. „Ich hab deine Gedanken gelesen bevor du überhaupt zu sprechen begonnen hast. Aber ich bin mir immer noch nicht sicher, weshalb.“

Toa Chiara schoss einen dünnen elektrischen Blitz aus ihrem Finger. Er traf den Metallklotz, auf dem Orde saß. Der Stromstoß ließ ihn aufspringen.

„Weniger lesen“, sagte Chiara. „Mehr zuhören.“

Orde ging auf Chiara zu, kurz davor, etwas Unangenehmes zu sagen. Sie erhob sich, um ihn zu konfrontieren. Onua seufzte, bereit, ein Erdbeben zu entfesseln, das sie beide zurück auf den Sandboden knallen lassen würde. Die Mühe konnte er sich sparen. Der dritte anwesende Toa, Zaria, machte eine Geste und beide Toa fielen wie Felsen.

„Setzt euch hin und seid still“, sagte Zaria leise. „Ich will das hören.“

Onua lächelte. Offenbar war es tatsächlich eine gute Idee gewesen, einen Toa des Eisens in die Gruppe aufzunehmen. „Danke. Wie ihr wisst, erschufen die Großen Wesen Mata Nui, damit er eines Tages den Schaden reparieren würde, der Spherus Magna zugefügt worden war. Er tat dies und als er fertig war, sagte er, dass wir dafür sorgen sollen, dass die Großen Wesen wissen, dass ihre Mission erfüllt worden war. Scheint mir eine vernünftige Forderung zu sein.“

Orde schoss einen unheilvollen Blick auf Zaria ab. Mit einem Schulterzucken ließ der Toa des Eisens ihn aus dem Griff seiner Metall kontrollierenden Kraft frei. Orde kam wieder auf die Füße. „Warum geht Tahu nicht, wenn das so wichtig ist?“

Onua zögerte nicht zu antworten. Wenn man mit einem Toa der Psionik zu tun hatte, war es ohnehin ziemlich sinnlos, unehrlich zu sein. „Sagen wir es gibt... Probleme. Die Agori brauchen etwas Zeit, um zu lernen, nach so vielen Jahren des Wettstreits zusammenzuarbeiten, insbesondere nachdem die unmittelbare Gefahr offenbar gebannt ist. Und viele von ihnen sind sich noch nicht so sicher, was sie von den Matoranern halten sollen.“

Chiara war auch von Ordes Kraft befreit worden, lag aber immer noch auf dem Boden. Sie feuerte einen Blitz in den Himmel, der sich dann aufteilte und das Ebenbild von Tahu Nuva annahm. „Also tut er was, etwa für unsere Seite verhandeln? Wäre Gali da nicht die bessere Wahl?“

Onua seufzte. „Gali hat ihre eigene Mission. Tahu arbeitet mit Ackar und Kiina, um diese Dispute zu lösen. Ihr drei werdet nach Bota Magna gehen und dort beginnen... von da an ist schwer zu sagen, wie es weitergeht.“

Zaria sprach, ohne seine Augen je vom Boden zu heben. „Warum wir? Wir kennen einander nicht. Wir haben nie zuvor zusammengearbeitet.“

Onua nickte. Zaria hatte Recht. Es waren viele nächtelange Gespräche mit Toa und Matoranern vorausgegangen, bevor er, Tahu und Gali ihre Wahl getroffen hatten:

Orde, trotz seines Temperaments, hatte einst seine Kräfte benutzt, um ein Dutzend eingekesselter Matoraner vor einer Bande Dunkler Jäger zu retten. Die Matoraner entkamen, Orde nicht. Er wurde letztendlich vom Rest seines Toa-Teams gerettet, aber nicht, ohne zuvor tagelange Verhöre zu erdulden. Nur seine Willensstärke hatte ihn bei Vernunft gehalten.

Chiara hatte einen Ruf als Einzelgängerin, was ungewöhnlich war für eine Toa des Blitzes. Aber sie brauchte nicht wirklich ein Team. Während der Visorak-Invasion hatte sie sich auf eigene Faust in das Lager der Spinnen eingeschlichen und die Koloniedrohnen elektrisiert. Jedes Mal, wenn die Visorak kamen, um sich an den Energien der Drohnen zu nähren, bekamen sie einen Stromschlag versetzt. Ihrer Nahrungsquelle entledigt, mussten sie sich zerstreuen, um eine neue zu suchen. Chiara nutzte dies aus, um sie einzeln auszuknipsen, bis sie über 50 eliminiert hatte.

Zaria war ein ganz anderer Fall. Er war einer der letzten Toa des Eisens, nachdem er gesehen hatte, wie die meisten seiner Freunde von Makuta getötet wurden. Irgendwie hatte er die Ausrottung überlebt und es sogar geschafft, ein Mitglied der Bruderschaft zu töten. Es war notwendig gewesen, aber auch ein Verstoß gegen den Toa-Kodex, der das Töten verbot. Man nahm an, dass Zaria sich deshalb wie ein Ausgestoßener fühlte, und zwar in mehrerlei Hinsicht. Es gab Gerüchte, dass er routinemäßig begann, seine Feinde zu töten, aber niemand war sich sicher, ob das der Wahrheit entsprach. Gewiss war aber, dass er ein getriebenes Wesen war, jemand, der etwas brauchte, auf das er seine Energien fokussieren konnte. Er musste eine Mission haben, also beschloss Tahu, ihm eine zu geben, die sogar seine Kräfte auf die Probe stellen würde.

„Wir kennen das Ziel“, sagte Chiara, „aber wir kennen nicht das Gebiet.“

„Sie hat Recht“, sagte Orde. „Keiner von uns hat sich je mehr als ein paar Kilometer von dem Schauplatz von Makutas Fall entfernt. Wir wissen nicht, was zwischen uns und den Großen Wesen liegen mag, falls sie überhaupt da oben sind.“

„Deshalb komme ich mit.“

Die drei Toa wandten sich um, um einen weiß gepanzerten Glatorianer auf sie zukommen zu sehen. Er bewegte sich mit dem lockeren Anmut eines Kampfveterans, die Art flüssiger Bewegung, die, wie sie alle wussten, sich binnen eines Augenblicks zu einem tödlichen Angriff verwandeln konnte.

Bevor der Glatorianer noch etwas sagen konnte, sagte Orde: „Sein Name ist Gelu. Er wird unser Führer sein, aber er ist nicht sonderlich glücklich darüber.“

Gelu machte drei schnelle Schritte und hielt seinen Eisschneider an Ordes Kehle. „Gut geraten“, sagte Gelu. „Warum gibst du nicht auch noch einen Tipp ab, was ich als nächstes tun werde?“

Ein Blitz zischte zwischen den beiden hindurch. „Es ist zu heiß zum Kämpfen, Jungs“, sagte Chiara. „Ich sage, wenn wir gehen, dann lasst uns gehen. Es wird auf jeden Fall lustiger sein, als Toa des Wassers den ganzen Tag dabei zuzusehen, wie sie Ausrüstung aus Metru Nui herausschleppen.“

Gelu entspannte sich. Wie Chiara war er gewöhnt, alleine zu arbeiten. Jetzt musste er ein Anführer sein. Onua hatte ihm nicht gesagt, warum er für die Aufgabe ausgewählt worden war, vielleicht weil der Toa der Erde es nicht wusste... oder weil er nicht wollte, dass Orde es herausfand.

„Eure Reittiere stehen bereit“, sagte Gelu. „Wir haben genügend Vorräte für eine Woche, dann müssen wir Nahrung suchen. Ihr werdet eine Menge seltsamer Dinge auf dieser Reise sehen. Ich werde euch wissen lassen, wegen welchen ihr euch Sorgen machen müsst.“

„Geht klar“, sagte Chiara, die nun stand und sich den Sand von der Rüstung klopfte. „Aber wer wird uns sagen, wenn wir uns wegen dir Sorgen machen müssen?“

***

Andernorts...

Angonce, eines der Großen Wesen, hatte seine Angst niedergerungen. Zu diesem Zeitpunkt in Panik zu geraten würde nichts bringen. Er musste ruhig sein und die Situation Punkt für Punkt durchgehen. Vielleicht würde er dann eine Antwort finden.

Als die Großen Wesen den Mata-Nui-Roboter erschufen, war ihr Plan einfach. Mata Nui würde zur rechten Zeit zurückkehren, die zerbrochenen Überreste Spherus Magnas heilen und sich danach abschalten. Weder er noch die Wesen, die ihn am Laufen hielten, würden fortan noch gebraucht werden. Manche Große Wesen wollten ein paar zu Studienzwecken intakt lassen; andere meinten, die Materialien konnten in anderen Projekten besser eingesetzt werden. Niemand sprach sich dafür aus, Toa, Matoraner, etc. frei auf Spherus Magna herumrennen zu lassen. Sie waren immerhin keine eigenständigen Wesen mit einem Recht auf Leben und Freiheit. Sie waren Werkzeuge, die dazu gedacht waren, den Mata-Nui-Roboter am Laufen zu halten... oder etwa nicht?

Die Dinge sind nicht ganz wie geplant gelaufen. Es hatte offensichtlich Programmierfehler in der KI von Mata Nui, Makuta und den anderen Schöpfungen der Großen Wesen gegeben. Anstatt einer simplen Reparatur des Planeten hatte es einen Roboterkrieg gegeben und den bizarren Anblick von Nanotech-Schöpfungen, die sich edel im Kampf opferten und in vielen Fällen starben, um andere zu retten. Das war nicht das Verhalten biomechanischer Diener. Das war eine echte neue Spezies, die für ihre Freiheit kämpfte und starb.

Normalerweise wäre dies Anlass zum Feiern gewesen. Aber wo die Großen Wesen einerseits versagt hatten, die Zukunft vorherzusagen, hatten sie gleichzeitig auch ein wenig zu gut geplant.

Während des Kernkriegs hatten die Großen Wesen „Höllenmaschinen“ losgelassen, die später den Namen „Baterra“ bekamen. Ihre Rolle war, den Krieg gewaltsam zu beenden, indem sie jeden bewaffneten Kombattanten eliminierten, dem sie begegneten. Als es unvermeidbar wurde, dass das Zerbrechen sich ereignen würde, versuchten die Großen Wesen, ihre Notabschaltung zu verwenden, um die Baterra herunterzufahren. Sie versagte und die Baterra blieben bis zu diesem Tag aktiv.

Dieses Versagen ließ sie darüber nachdenken, wie viel Kraft jeder Toa haben würde. Wenn etwas nach Mata Nuis Rückkehr schief lief und die Toa freigesetzt werden würden, hätten die Agori keine Chance gegen sie. Angenommen, die Toa würden böse? Angenommen, sie würden diese neue Welt erobern wollen? Wenn, dann würde Spherus Magna erneut als Resultat der Taten der Großen Wesen in tödlicher Gefahr schweben. Dies konnte nicht zugelassen werden.

Ihnen blieb wenig Zeit, aber sie nutzten sie gut, indem sie eine neue Schöpfung entwarfen und bauten. Sie existierte nur zu einem Zweck, und nur einem: um Toa zu zerstören. Die Großen Wesen glaubten, dass kein einziger Toa, oder ein Team aus Toa, darauf hoffen konnte, gegen sie zu bestehen. Sie wurde Marendar getauft, ein Agori-Wort, das „Erlösung“ bedeutete, und in ein Gewölbe platziert.

Angonce wusste, dass das abrupte Erscheinen so vieler Toa auf Spherus Magna Marendar wahrscheinlich aktivieren würde. Er eilte zu dem Gewölbe, aber zu spät – die lebende Waffe hatte sich bereits ihren Weg durch einen Meter metallischer Protodermis geschlagen und war weg. Sie würde ihre Programmierung ausführen und jeden einzelnen Toa auf dem Planeten töten.

Sie denken, sie hätten eine neue Welt gefunden, sagte das Große Wesen zu sich selbst. Wie könnten sie auch wissen, dass hier nichts auf sie wartet... außer der Tod?

Kapitel 2

Das Team war mehrere Tage lang gereist, als Toa Chiara endlich Toa Orde die Frage stellte, die ihr auf der Zunge brannte. Als Toa der Psionik wusste er bereits, dass die Frage kam, und hätte sie schon vor Tagen beantworten können. Aber er wollte lieber warten, bis sie zu ihm kam.

„Also“, sagte Chiara beiläufig, „warum bist du nicht weiblich?“

Orde hatte diese Frage mehr als nur ein paar Male in seinem langen Leben gehört und gab für gewöhnlich keine Antwort. Aber er wusste, dass Chiara die Sache nicht auf sich beruhen lassen würde, bis ihre Neugier gestillt war.

„Ich weiß, ich weiß“, erwiderte er. „Alle Matoraner, Toa und Turaga der Psionik sind weiblich und ich bin männlich. Die einfache Antwort ist: Ich bin der Grund, warum sie alle weiblich sind.“

Als er die Verwirrung in Chiaras Augen sah, lächelte Orde.

„Ich war der erste Psionik-Toa und einer der ersten Toa, die je geschaffen wurden“, fuhr er fort. „Aber ich war, sagen wir mal, ein bisschen zu... aggressiv beim Gebrauch meiner Kräfte. Ich war damals sehr jähzornig. Eine kurze Zündschnur gepaart mit Psionik führt zu schlechten Dingen... manchmal zu sehr schlechten Dingen.“

„Wie zum Beispiel?“, fragte Chiara neugierig.

„Kennst du die Zyglak? Diese wilden, brutalen Monster, die alles hassen, was mit Mata Nui zu tun hat, und denken, dass jeder besser aussieht, wenn er einen Dolch in sich stecken hat? Nun, sie waren anfangs nicht so übel. Oh, sie waren fies und gewalttätig, aber... weißt du, meine erste Aufgabe war, sie ein bisschen zu beruhigen. Und, nun, es hat nicht ganz so funktioniert.“

„Oh nein...“, sagte Chiara.

„Was kann ich sagen? Sie gingen mir auf die Nerven und ich schob, wo ich hätte ziehen sollen.“

„Das erklärt immer noch nicht, warum—“

„Danach entschied jemand, dass für Psionik vielleicht ein bisschen mehr Sanftmut vonnöten wäre... also wurden alle nachfolgenden Psionik-Typen weiblich gemacht.“

„Genau“, sagte Chiara. Sie schoss einen Elektrizitätsblitz aus ihrem Finger und röstete damit eine Eidechse, die sich auf einem Felsen gesonnt hatte. „Wir weiblichen Wesen sind immerhin auch so sanftmütig.“

An der Spitze der Reihe warf Gelu genervt einen Blick zurück. Er hatte die Toa vor unnötigem Gerede gewarnt, als sie die Grenze nach Bota Magna überquerten. Niemand konnte sagen, wie sehr sich diese Region in den Jahren seit dem Zerbrechen verändert hatte oder welche Gefahren lauern mochten. Es war schlimm genug, sich für ein nutzloses Unterfangen – die Großen Wesen finden, fürwahr, da konnte man genauso gut versuchen, einen Skrall mit herzlichem Naturell zu finden – auf den Sattel schwingen zu müssen, aber die Toa schienen es nicht eilig damit zu haben, auf seinen Rat zu hören.

Sie ritten in ein enges Tal, an das tiefe Wälder grenzten. Es war üppig und grün und die kühle Brise fühlte sich nach so vielen Jahren in der Bara-Magna-Wüste gut an. Die meisten Reisenden würden sich auf die früchtetragenden Bäume oder die im Wind schwankenden Gräser konzentrieren. Alles, was Gelu sehen konnte, war eine perfekte Stelle für einen Hinterhalt.

„Orde, schnappst du irgendetwas auf?“, fragte er.

Der Toa der Psionik nickte. „Ich dachte, das würde ich... ein Haufen Geister, die zugleich summten... aber dann wurden sie von etwas weggewischt. Entweder funktioniert meine Kraft hier nicht richtig oder aber es ist ein wirklich starker Verstand in der Region, der meinen Empfang stört.“

„Zaria, Chiara, übernehmt die Flanken“, befahl Gelu. „Seid bereit.“

Die vier Abenteurer ritten schweigend einen gut abgenutzten Pfad hinab, der mit allen Arten von Tierspuren bedeckt war. Gelu vermutete, dass sie nicht weit von einer Wasserquelle waren. Die hiesigen Wildtiere mussten den Trip viele Male gemacht haben. Die Nähe von Frischwasser war eine gute Neuigkeit. Die schlechte Neuigkeit war, dass Raubtiere eine solche Gegend vermehrt heimsuchen würden, auf der Suche nach jeglicher Beute, die gerade unterwegs zu einem Drink war.

Es gab ein plötzliches Aufleuchten eines Blitzes von rechts. Gelu, die Waffe gezogen, fuhr herum, um zu sehen, dass er kein Naturphänomen war. Chiara hatte ihre elektrische Kraft auf etwas im Wald abgefeuert, hatte damit aber nur die Zersprengung eines Baumes zu Splittern erreicht.

„Ich hab was gesehen“, beharrte sie. „Aber dann war es weg.“

Orde zuckte mit den Schultern. „Ich habe immer noch nichts.“

Gelu warf Chiara einen Blick zu, der besagte, dass er nicht an ihrem Wort zweifelte. Er bekam das vertraute Gefühl, beschattet zu werden. Er wünschte, sie könnten den Pfad verlassen, wo sie nicht so ungeschützt waren, aber das Unterholz war zu dick als dass die Reittiere es hindurch schaffen konnten. Sie würden das Risiko eingehen müssen.

Etwas explodierte hinter Ordes Sandläufer. Die Bestie bäumte sich auf, wobei sie den Toa fast abwarf, und preschte dann nach vorne. Dann gab es noch mehr Explosionen überall um sie herum und alle Reittiere gerieten in Panik. Die drei Toa bemühten sich, ihre galoppierenden Tiere im Zaum zu halten, und Gelu stellte fest, dass es ihm selbst nicht besser erging. Die Flucht der Sandläufer trug die Reiter fast zum anderen Ende des Tals. Zu spät entdeckte Gelu das Netz, das sich vor ihnen vom Boden erhob.

„Passt auf!“, rief er.

Die Reittiere stürmten in das Netz, welches nachgab, aber nicht riss. Überrumpelt von dem plötzlichen Halt, stürzten die Reiter und gerieten in ein Wirrwarr mit dem Netz und ihren Tieren. Das Netz wurde grob nach hinten gezogen und schloss sich um sie herum. Gelu schaute zurück, um zu sehen, wer sie über den Talboden schleppte und war schockiert, als er sah, dass es ein Vorox war.

„Was in Mata Nuis Namen sind das für welche?“, fragte Toa Zaria.

„Sie sind kaum besser als Tiere“, antwortete Gelu. „Wir hatten sie in Bara Magna. Sie leben in Rudeln, in denen sie unter dem Kommando des stärksten Männchens im Stamm nach Frischfleisch jagten. Die Skrall behandelten sie wie wilde Tiere und das ist nicht mal so falsch. Aber dieses Netz kommt mir nicht wie etwas vor, das sie sich ausdenken würden...“

Da schaute Gelu sich ihre Fänger ein zweites Mal an. Sie trugen nicht die grobschlächtigen Waffen, die Bara Magnas Vorox manchmal trugen. Stattdessen führte jeder eine komplizierte Distanzwaffe einer Sorte mit sich, die Gelu seit dem Kernkrieg nicht mehr gesehen hatte. Sie feuerte Kugeln aus explosiver Kraft, und trotz des Alters der Ausrüstung, funktionierte sie offenbar immer noch gut. Dieser Grad an Technologie sollte eigentlich weit über den zurückgebliebenen Vorox liegen, aber dennoch waren sie hier und benutzten sie wie professionelle Soldaten.

Ein einzelner Vorox, größer und stärker als der Rest, näherte sich dem Netz. Das wäre dann das Alphamännchen, dachte Gelu. Wenn er entscheidet, dass wir eine potenzielle Mahlzeit sind, wird er ein Signal geben und der Rest wird über uns herfallen, bevor wir einen Mucks machen können. Also hoffen wir mal, dass wir nicht appetitlich aussehen.

Der Vorox-Anführer beugte sich nach vorne und schnüffelte die Luft. Dann änderte er seine Position und tat es noch ein paarmal. Schließlich erhob er sich, schaute Gelu an und tat etwas Bemerkenswertes – er sprach in perfektem Agori und sagte: „Deinesgleichen kenne ich. Diese anderen sind... unvertraut.“

„Du... du kannst sprechen?“, fragte Gelu.

„Natürlich“, sagte der Vorox. „Wie, denkst du, kommunizieren wir, etwa mit Gegrunze und Gekreische? Du verwechselst uns mit unseren südlichen Brüdern.“

Als er die Frage auf Gelus Gesicht sah, fuhr der Vorox fort. „Ja, wir wissen alles über die Vorox von Bara Magna und ihren unehrenhaften Fall. Aber wir sind Bota-Magna-Vorox. Als das Zerbrechen sich ereignete, saßen wir an diesem Ort fest, der sich als Paradies erwies. Es gab reichlich Nahrung und Wasser und uns fehlte nur wenig. Daher standen wir nie den Herausforderungen gegenüber, denen die Wüsten-Vorox gegenüberstanden, und wir versagten auch nicht so spektakulär bei ihnen. Ich bin übrigens Kabrua, der Anführer dieser Gesellschaft.“

Chiara hatte genug gehört. Sie nickte Zaria zu. Nachdem sie flüsternd auf drei gezählt hatten, benutzte sie ihre Elektrokräfte, um das Netz durchzubrennen, noch während Zaria seine Kontrolle über Metall aktivierte, um zu versuchen, die Waffen der Vorox zu packen. Sobald der erste Vorox spürte, wie seine Waffe von der Kraft des Toa aus seiner Hand gezogen wurde, eröffnete die skorpionschwänzige Kreatur das Feuer. Beide Toa wurden von der explosiven Kraft von ihren Füßen gerissen. Chiara wurde bewusstlos geschlagen und Zaria verlor einen Brocken seiner Schulterrüstung.

Orde begann sich zu erheben, wobei er mit dem Netz rang. Gelu sah ein Dutzend Waffen in seine Richtung schwenken. „Orde, hör auf!“, rief er. „Hör einfach... auf.“

„Sehr weise“, sagte Kabrua. „Im Bestfall ist mein Volk Fremden gegenüber argwöhnisch. Fremde mit der Fähigkeit, Blitze zu erschaffen oder Objekte dazu zu bringen, sich zu bewegen – die Welt wäre ein weitaus sicherer Ort, wenn solche Wesen tot wären.“

„Glückwunsch zur Fähigkeit, vollständige Sätze zu sprechen“, sagte Orde. „Klingt als ob ihr genauso übel wärt wie eure barbarischen Vettern.“

Gelu hörte dem Streit nicht zu. Er war damit beschäftigt, nachzudenken. Bota Magna war erst vor einer kurzen Weile mit Bara Magna wiedervereint worden, woher also wusste Kabrua vom Zustand der Bara Magna Vorox? Und woher hatten seine Leute diese Waffen? Sie waren selbst während des Kriegs selten gewesen. Informationen, die sie nicht besitzen sollten, plus Technologie, die sie nicht haben sollten, summierte sich zu einer Sache – diese Vorox standen möglicherweise in Kontakt mit einem Großen Wesen oder hatten zumindest einen ihrer Schlupfwinkel gefunden.

„Was habt ihr mit uns vor?“, fragte Gelu. Er hoffte, Kabrua plante, sie am Leben zu lassen, sodass er ein paar Antworten von dem Vorox-Anführer bekommen konnte.

„Ich weiß ein bisschen darüber, wie die Vorox in der Wüste in den letzten Jahren behandelt wurden“, antwortete Kabrua. „Gejagt, gehetzt, wie Monster behandelt... alles durch die sogenannten intelligenten Rassen. Vielleicht wäre es eine gute Idee, dass du und deine Gefährten ein bisschen von dem durchmachen, was sie durchgemacht haben... es könnte sich als eine wertvolle Lektion erweisen, wenn auch unweigerlich eure letzte.“

Kabrua wandte sich seinen Stammesmännern zu. „Nehmt sie mit in die Stadt. Heute Nacht halten wir ein Festmahl...“ Der Vorox-Anführer beäugte Gelu und die Toa mit einem Funkeln in seinem Auge, das besagte, dass er wohl doch nicht so weit von der Wildheit seiner Brüder entfernt war. „Und morgen... morgen jagen wir.“

Kapitel 3

Gelu, Zaria, Chiara und Orde standen am Rande eines dichten Waldes. Ihre Handgelenke waren hinter ihren Rücken gefesselt. In der Nähe standen drei Bota Magna Vorox, ihre Waffen bereit. Ein vierter hielt ein Signalfeuer.

„Ein guter Sport“, sagte einer der Wächter.

„So etwas hatte ich schon lange nicht mehr“, sagte ein anderer.

Gelus Verstand arbeitete auf Hochtouren. Es war seine Aufgabe gewesen, diese „Toa“ durch die Wildnis in Sicherheit zu bringen und bis jetzt hatte er dabei elendig versagt. Sie waren wie Amateure Wesen in ein Netz gegangen, die sich als intelligente Vorox herausstellten, deren Anführer, Kabrua, zornig über die Behandlung seiner barbarischeren Vettern in Bara Magna war. Daher beschloss er, dass seine Gefangenen die Beute in einer Hatz sein würden.

„Es ist absurd einfach“, erklärte Kabrua. „Man wird euch an den Rand der Wälder bringen. An einem gewissen Punkt wird man eure Fesseln durchschneiden und euch steht frei, davonzurennen. Einer meiner Soldaten wird ein Signalfeuer anzünden, um uns zu alarmieren, dass ihr gestartet seid. Dann werden ich und meine handverlesenen Fährtenleser euch aufspüren und töten.“

„Warum? Wir haben euch nichts getan“, hatte Gelu erwidert.

„Deinesgleichen hat meinesgleichen durch ganz Bara Magna gehetzt“, hatte Kabrua gesagt. „Das heißt, dass du dein Leben verwirkt hast. Und wer mit dir reist, muss deine Schuld teilen.“

Es war eine üble Lage, aber Gelu wusste, dass nicht alle Hoffnung verloren war. Sie hatten seine Waffe und die der Toa beschlagnahmt, da sie offenbar nicht erkannten, dass Toa keine Waffen brauchten, um ihre Kräfte zu benutzen. Das würde ihnen einen Vorteil geben, den Kabrua bereuen würde.

Eine der Wachen durchschnitt ihre Fesseln. „Rennt!“, bellte er.

Zaria warf Gelu einen Blick zu. Der Toa des Eisens hatte kämpfen wollen, sobald sie befreit worden waren, aber Gelu hatte diesen Vorschlag abgetan. Es würde einfacher sein, Kabrua und seine Konsorten in den Wäldern aus dem Hinterhalt anzugreifen. Gelu nickte und die vier rannten los, direkt ins dichte Gebüsch.

Fast augenblicklich wurde klar, dass sie langsam vorankommen würden. Dicker Pflanzenwuchs und eine dichte Konzentration von Ästen bedeutete, dass jedes Vorankommen nur schleppend passieren würde. Frustriert begann Chiara, ihre Elektrokräfte zu benutzen, um einen Pfad für sie freizusprengen. „Hör auf damit!“, befahl Gelu. „Genauso gut könntest du mit einem Schild winken, das Kabrua verrät, wo wir sind!“

Zaria deutete voraus auf einen Felsvorsprung. „Chiara und ich können darunter Schutz suchen und sie beharken, sobald sie vorbeikommen. Du und Orde können die Beute spielen.“

„Danke“, sagte Orde. „Erinnere mich darein, eines Tages dasselbe für dich zu tun.“

„Er hat Recht“, sagte Gelu. „Es ist ein guter Plan. Ich kann sie hinter uns kommen hören. Ihr zwei solltet euch besser bereitmachen.“

Zaria und Chiara bezogen Stellung. Orde und Gelu blieben draußen im Freien, wobei sie sogar ihr Tempo verringerten, um sicherzustellen, dass Kabrua sie entdecken würde. Binnen Augenblicken brach der erste Vorox-Fährtenleser durch das Gebüsch hinter ihnen und rief, dass er die Beute erblickt hatte.

Kabrua und der Rest der Jagdgruppe waren einen Augenblick später zur Stelle. Gelu und Orde begannen zu rennen, die Fährtenleser direkt auf der Spur. Gelu wartete auf die Geräusche des Angriffs der Toa... aber er kam nie.

„Ich sehe nur zwei von euch“, rief Kabrua. „Die anderen beiden liegen auf der Lauer und warten darauf, einen Hinterhalt zuschnappen zu lassen. Oh, ja, ich weiß alles über Toa-Kraft und wie sie funktioniert. Wie eure Freunde entdeckt haben, weiß ich auch, wie man sie abschalten kann.“

„Sie abschalten?“, sagte Orde ungläubig. „Man kann nicht die Kraft eines Toa abschalten. Das wäre so, als würde man die Fähigkeit zu atmen abschalten.“

„Schau mich jetzt nicht dumm an, aber dieser Trick steht als nächstes auf dem Programm“, erwiderte Gelu. „Funktioniert deine Kraft noch?“

Orde griff mit seinem Verstand hinaus, um zu versuchen, die Gedanken der Vorox zu lesen. Alles, was er bekam, war Stille. „Nein“, antwortete er mit Trostlosigkeit in der Stimme.

„Dann wäre das geklärt“, sagte Gelu. „Kabrua muss Informationen über die Großen Wesen haben. Wer sonst könnte wissen, wie man einen Toa abschaltet?“

Orde hob einen schweren Ast hoch. „Dann lass uns die Antwort aus ihm herausprügeln.“

„Nein. Wir rennen“, entschied Gelu. „Er hat Zaria und Chiara nicht gefunden. Wir müssen die Fährtenleser von ihnen weglocken.“

Die beiden begannen gen Osten zu rennen, auf direktem Wege weg von der Stelle, an der die anderen beiden Toa sich versteckten. Etwas nagte an Gelu. Wenn Kabrua Toa-Kraft abschalten konnte, warum dann nicht vom Anfang der Jagd an? Warum war Chiara vorher imstande gewesen, ihre Kraft zu verwenden? Die einzige Antwort, die ihm einfiel, war die, dass was auch immer Kabrua benutzte nicht auf große Distanz funktionierte.

Er sah sich um. Kabrua und zwei der Fährtenleser folgten ihnen, aber die anderen waren zurückgeblieben. Das war ausschlaggebend. Er konnte es sich nicht leisten, die beiden Toa zurückzulassen und zu riskieren, dass ihre Kraft zurückkehrte, also hatte er ein paar seiner Soldaten zurückgelassen, zweifellos mit dem Kraftdämpfer.

Orde hörte das Geräusch von Wasser, das weiter vorne vorbeirauschte. „Fluss – Ich glaube, ich habe eine Idee.“

Die beiden hatten es geschafft, genug Vorsprung vor den Fährtenlesern zu bekommen, dass sie nirgends zu sehen waren. Sie rannten in den Fluss, aber Orde hinderte Gelu daran, ihn ganz zu durchqueren. „Sie werden unsere Fußspuren am anderen Ufer sehen können“, sagte der Toa. „Aber nicht, wenn wir nach oben gehen.“

Gelu lächelte. Mit einem Schubs von Orde erreichte er einen Baumzweig hoch über dem Wasser. Dann half er dem Toa hinauf. Die beiden kletterten dann höher in den Baum hinauf, wo sie vom Boden aus nicht leicht gesehen werden konnten.

„Orde, ich will, dass du etwas für mich tust“, sagte Gelu. „Wenn Kabrua vorbeikommt, benutze deine Kraft. Er hat seine Informationen über Bara Magna und euch Toa von jemandem bekommen. Wir müssen herausfinden, wer es ist.“

„Vielleicht wird er die Sondierung spüren“, warnte Orde ihn.

„Es ist eure Mission“, sagte Gelu. „Die Entscheidung liegt bei dir. Wir können zurückgehen und Chiara und Zaria retten, aus diesem Tal verschwinden und einfach weitersuchen, wenn du das willst. Oder wir können ein Risiko eingehen und vielleicht etwas in Erfahrung bringen.“

„In Ordnung“, sagte Orde. „Aber sei bereit. Das kann eine zweispurige Straße sein. Vielleicht weiß er am Ende genau, wo wir sind.“

Nach ein paar Momenten tauchten Kabrua und seine Fährtenleser auf. Sie sahen die Spuren, die in den Fluss führten, konnten aber keine entdecken, die ihn wieder verließen. „Sie sind wahrscheinlich geschwommen“, sagte Kabrua. „Aber sie müssen irgendwo herauskommen. Wir werden die Ufer absuchen, indem wir flussaufwärts und -abwärts gehen.“

Hoch oben schloss Orde seine Augen. Sein Verstand streifte den von Kabrua und traf auf keinen Widerstand. Er stieß etwas härter zu und schälte so schnell er konnte Schichten weg, sodass er die Information finden konnte, die er suchte. Schließlich erhaschte er einen kurzen Blick, nichts mehr als das, auf die Wahrheit. Aber bevor er sie vollständig erkunden konnte, konnte er spüren, dass Kabrua das Eindringen fühlte. Orde zog sich geschwind zurück, in der Hoffnung, der Entdeckung zu entrinnen.

Er und Gelu warteten. Der Vorox schüttelte seinen Kopf, schaute aber nicht in ihre Richtung hoch. Der Vorox wusste zweifelsohne, dass sie irgendwo in der Gegend steckten, wusste aber nicht wo.

„Was hast du erfahren können?“, flüsterte Gelu.

Orde bedeutete ihm zu warten. Kabrua schaute sich um. Dann durchquerte der Vorox stirnrunzelnd den Fluss und begann, das gegenüberliegende Ufer abzusuchen.

„In Ordnung“, sagte Gelu. „Warten wir noch eine Minute und dann gehen wir zurück zu den anderen. Was hast du herausgefunden?“

Da bemerkte Gelu den Blick in Ordes Augen. Obwohl sie mechanische Rezeptoren für visuelle Stimuli waren, schafften sie es dennoch irgendwie, Gefühle wiederzuspiegeln – in diesem Fall Entsetzen.

„Das ist irrsinnig“, murmelte Orde. „Das ist... mehr als ich glauben kann.“

Der Toa wandte sich zu Gelu um. „Als die Großen Wesen Mata Nui erschufen... wollte einer von ihnen sehen, wollte wissen, wie genau ihre Schöpfung funktionieren würde. Ohne das Wissen der anderen also... ich denke, das beste Wort ist 'übertrug' er seinen Geist, seinen Intellekt, in eines der biomechanischen Wesen, die sie geschaffen hatten, um den Großen Geist zu bewohnen.“

Gelu schaute verwirrt drein.

„Verstehst du nicht?“, sagte Orde mit einem harschen Flüsterton. „Eines der Wesen aus meinem Universum... einer, der nun auf deiner Welt ist... ist in Wahrheit ein Großes Wesen. Er hat die ganze Zeit über unter uns gelebt, im Verborgenen, und uns alle hereingelegt.“

„Und er gab Kabrua die Informationen“, sagte Gelu. „Warum?“

„Ich weiß es nicht“, sagte Orde. „Ich musste den Kontakt abbrechen, bevor ich herausfand, wer es war. Aber er hat über 100.000 Jahre darauf gewartet, hierher zurückzukehren, verborgen in einem anderen Körper... und ich erhaschte kurze Ausblicke auf das, was er für diese Welt geplant hat. Er muss aufgehalten werden, Gelu... falls noch Zeit ist.“

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